Maria Björnsdotter: Auszug aus dem Text  zur Ausstellung "Role Play", 2015

 

(...) In den Arbeiten von Ina Sangenstedt begegnen wir einer Welt von Wesen, die uns auf den ersten Blick bekannt und vertraut, auf den zweiten aber auch fremd und unheimlich sind. Wir sitzen in der Galerie umgeben von ihren Arbeiten und sie erklärt, dass ihr oft die Frage gestellt werde, welches Verhältnis sie zu Tieren habe. Es gehe in ihren Arbeiten nicht erstrangig um das Tier, sondern vielmehr um den Mensch, der indirekt in den Fokus gerückt wird. In ihren Arbeiten spürt sie menschlichen Ängsten, Fantasien und unbewussten Sehnsüchten nach, für die der Körper des Tieres eine stellvertretende Funktion und verschiedene Rollen einnimmt.

Wir identifizieren uns mit dem Tier, wir fühlen mit ihm, wir können darüber hinaus eine Beziehung oder sogar Freundschaft mit ihm aufbauen – aber wir grenzen uns auch deutlich von ihm ab. Sangenstedt wirft die Frage auf, ob es bei der Begegnung zwischen Mensch und Tier tatsächlich um das Verstehen einer Andersartigkeit geht, oder ob das animalische Gegenüber nicht vielmehr als Projektionsfläche für unsere Gefühle und Sehnsüchte fungiert.

In ihrem künstlerischen Prozess reagiert Ina Sangenstedt sehr direkt auf das Material, mit dem sie arbeitet. Dabei erweitert sie konstant ihr Repertoire an Techniken und Werkstoffen. Das Resultat ermöglicht es uns, einen tieferen Einblick und manchmal auch eine ironische Einsicht auf unseren „Blick auf das Tier“ und unseren Umgang mit demselben zu gewinnen.

 

 

 

Julian Blunk (in: Katalog zur Ausstellung “Tierperspektiven”, Georg-Kolbe-Museum, Berlin 2009)

 

Die Anrufung Heiliger, die dem rechtgläubigen Katholiken als Fürsprecher im Jenseits gelten, wird durch deren Sicht- und Fassbarkeit im Diesseits wesentlich begünstigt. Deshalb verlangt der katholische Kult seit Jahrhunderten allerorts nach immer neuen Reliquien, also nach den noch so kleinen und mitunter geographisch weit gestreuten Körperfragmenten immer neuer Heiliger, die ihrerseits immer neuer Gefäße zu ihrer Aufbewahrung bedürfen – den Reliquiaren, die oft in Form eben jener Körperteile gearbeitet wurden, dessen irdische Überreste sie umfassen. Die Gestalt des Reliquiars, in dem uns Ina Sangenstedt zwei Zähne eines anonymen Heiligen präsentiert, muss deshalb zunächst verwundern: Eine kniehohe, in Bronze gegossene Kröte, mehr Kopf als Körper, ihr Maul von apokalyptischen Ausmaßen. Beidseitig brechen über diesem zwei milchgläserne Schallblasen hervor, die, funktional als Vitrinen der heiligen Zähne genutzt und formal an Glühbirnen erinnernd, religiöse „Erleuchtung“ verheißen. Im Verbund bilden Reliquie und Reliquiar

demnach eine Anatomie, die sich weder auf die einer Kröte noch auf die eines Heiligen reduzieren, sondern sich nur durch eine in Vollzug befindliche Metamorphose oder einer dauerhaften Verschmelzung zweier Lebensformen erklären ließe – also durch solche Konstellationen, für die gerade das Amphib bekannt ist: Erscheinen Kröten und artverwandte Halbwesen in der Geschichte der Kunst bevorzugt in transitorischen Kontexten, so sie etwa anlässlich christlicher Vergänglichkeitsmeditationen auf der Grenze zwischen Leben und Tod agieren, berichten Mythen-, Märchen- und Sagenwelt von mannigfaltigen wechselseitigen Verwandlungen von Frosch und Mensch. Entsprechend ließe sich hoffen, dass sich auch Ina Sangenstedts Krötenreliquiar bei gegebenen Anlass in eine menschliche Gestalt (zurück-) verwandeln könnte. Doch bis dahin legt das Werk auch andere Assoziationen nahe, die sich ebenfalls maßgeblich aus der Positionierung der Reliquien hinter den (bei echten Kröten) rhythmisch pumpenden und lärmenden Schallblasen ergeben. Denn insofern sich jeweils nur deren überdehnte Haut durch- und somit einsichtig zeigt, wird mit dem zu imaginierenden abwechselnden Verschwinden und Erscheinen der ausgestellten Reliquie sogleich eine zeitliche Ebene etabliert, die ganz dem zyklischen Präsentieren und Verbergen von Monstranz oder Reliquiar in der katholischen Liturgie entspricht. Zudem klingt dank dieses Kunstgriffes unweigerlich auch eine Tonebene an, die in feinsinniger Häresie die Frage aufwirft, ob sich in der nächtlichen Kakophonie brautwerbender Frösche und den mahnenden Versen katholischer Geistlicher möglicherweise die eine oder andere Parallele entdecken ließe.

 

 

 

 
 
Ina Sangenstedt         Skulptur Papierarbeiten Texte Vita Kontakt